Samstag, 7. April 2018

Sind Videos die beste Wahl als Content? Interview mit dem Film- und Video-Experten Oliver Gäbel

Da sich das Mediennutzungsverhalten immer wieder ändert, sollte man sich zwischendurch selbst hinterfragen, welches Medium am sinnvollsten im Recruiting bzw. Personalmarketing ist. Natürlich immer abhängig von der jeweiligen Zielgruppe. Heute habe ich das Vergnügen mit einem Verfechter für das Thema Video zu sprechen - Oliver Gäbel, welcher auch einige unserer Videodrehs bei BearingPoint durchgeführt hat. Oliver blickt mittlerweile auf mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Branche zurück und kann mir Recht als Koryphäe der Branche bezeichnet werden.


Tim Verhoeven: Lieber Oliver, als Film- und Video-Experte hast Du wahrscheinlich einen speziellen Blick auf die Entwicklung dieses Mediums im Kontext von Recruiting. Welche Entwicklung wird Ihrer Meinung nach den Markt in den kommenden Jahren prägen?

Oliver Gäbel: Film als Instrument im Personalmarketimg wird sich weiter durchsetzen. In dem ganzen Thema ist viel Dynamik. 2020 wird es für alle HRler, die ernsthaft und professionell aufgestellt sind eine Selbstverständlichkeit sein, Film im Recruiting zu nutzen. Die Gründe für eine Strategie mit Film liegen auf der Hand: Preisgünstig, emotional und hervorragend zum Matching geeignet.

Tim: Inwiefern ist Film preisgünstig? Meiner Erfahrung nach ist das Medium doch vergleichsweise kostspielig.

Oliver: Preisgünstig alleine deshalb, weil ein einmal produzierter und bezahlter Film, z.B. ein Recruiting-Film, mehrfach ausgestrahlt werden kann. Auf der Karriere-Webseite, auf YouTube, auf Social-Media-Kanälen, in Jobanzeigen, einer Messe oder in Vorträgen bzw. Road-Shows. Zum Thema Zahlen & Kosten, da herrscht leider rund um Film immer noch große Unkenntnis. Film ist immer erst einmal teuer. Umgekehrt wird jedoch ein Schuh daraus: Die Rekrutierung einer Fachkraft dauert im Schnitt 6-9 Monate. Eine lange Zeit, die Geld kostet. Für die Rekrutierung - aber auch durch den fehlenden Umsatz des noch fehlenden Mitarbeiters. Wenn sich der Rekrutierungsprozeß durch eine Filmstrategie um ein, zwei, drei Monate verkürzt, weil das Matching funktioniert - ist die Investition schon wieder drin. Die emotionale Ansprache der Kandidaten durch ein gut und authentisch gemachtes Video ist nachhaltig und zeigt: So attraktiv bin ich als Arbeitgeber, so offen, innovativ und freundlich ist unser Unternehmen, so interessant ist unsere Unternehmenskultur. Der Matching-Effekt ist enorm, wie mir meine Kunden immer wieder bestätigen. Kandidaten können sofort sehen, ob sie ins Unternehmen passen, ob die ggf. neuen Kolleginnen und Kollegen aber auch die Vorgesetzten und Chefs sympathisch sind. Falls ja - und damit das Bauchgefühl sofort positiv ist - ist die Hürde für Kandidaten extrem niedrig, diesen Arbeitgeber anderen vorzuziehen. Die Suche nach Alternativen wird eingeschränkt. Ein Riesen-Nutzen!

Tim: Inwieweit spielt das Mediennutzungsverhalten Generationen YOLO und Y eine Rolle bei dieser Entwicklung?

Oliver: An meinen beiden Söhnen (16 & 18) kann ich exakt ablesen, was spannend ist: Bewegte Bilder. Immer und überall. Ein normaler Fernseher wird nur noch genutzt, um über Videoportale Inhalte darauf zu streamen. YouTube, Netflix & Co sind Unterhaltungs-, Lern- und Suchmaschine. Hat eine Webseite keine Filme - wird weggeklickt. Uninteressant. Der Rückschluß für Unternehmen daraus ist ganz einfach: Verlockender und spannender Content sollte auf Homepage, einer eigenen Kandidaten-Landing-Page oder in Social-Media-Kanälen passend zum Unternehmen mit bewegten Bildern aufbereitet werden. Authentisch und professionell ist dabei ganz wichtig. D.h., eine Filmstrategie für beispielsweise die Stadtwerke einer mittelgroßen Stadt sieht in Form und Inhalt anders aus als für eine BlingBling-Agentur in Berlin. Hier gilt es, das individuelle Gefühl gemeinsam festzulegen rund um Arbeit und Leben - und dann daraus passende Filmideen zu entwickeln. Für YOLO und Y sind natürlich Virtual oder Augmented Reality-Filme spannend - weil sie ein neuartiges Erlebnis bieten. Und ganz wichtig: Humor und Work-Life-Balance darf nicht fehlen!

Tim: Hast Du ein Beispiel von Unternehmen, die sich gut auf dieses Thema eingestellt haben?

Oliver: Die Stadtwerke Neumünster SWN haben bereits 2013 im Azubi-Marketing mit ersten Filmen angefangen. Gezeigt wurden Azubi in unterschiedlichen Ausbildungsberufen. Das war noch recht "alt-baksch"...wirkte etwas aufgesagt- aber damals schon weit voraus! 2015 haben wir alles moderner aufgestellt: Jeder Ausbildungsberuf wurde jeweils von Männlein und Weiblein vorgestellt. Dazu haben sie auch privates gezeigt wie Sport, Ehrenamt oder andere Hobbies. Ganz menschlich, ganz normal - aber vor allem ganz nah und auf Augenhöhe. Die Ausbilder hingegen gehören in einen Film, damit die Eltern der Azubi-Kandidaten sehen können: OK, gut, da ist auch ein Erwachsener, der auf mein Kind aufpasst. Das weckt Vertrauen und ist also wieder aufAugenhöhe. Ganz wichtig. Die SWN haben dazu einen Film realisiert, in dem ganz viele Azubi ganz kurz erklären, warum die SWN für sie der passende Ausbilder ist. 10 Azubi, 10 ganz unterschiedliche Gründe. Für Kandidaten, die auf der Homepage oder auf YouTube schauen ist mit hoher Chance ein Grund dabei, der auf sie selbst zutrifft, für sie attraktiv ist. Streng genommen erhöhen die SWN damit die mögliche Trefferquote.

Tim: Gibt es neben "Augenhöhe" noch weitere Tipps, wie man Nahbarkeit und Authentizität zeigen kann?

Oliver: Ja, um bei dem Beispiel zu bleiben: Hier sind auch Outtakes wichtig. Die verpatzten Szenen aus den Dreharbeiten öffentlich zu machen beweist: Die SWN haben eine tolerante, herzliche, selbstkritisch-ironische und vor allem wertschätzende Unternehmenskultur. Besonders die Outtakes wirken zudem als humorvolles Tool auch nach innen, wurde mir immer wieder bestätigt. Ganz neu in diesem Jahr: Der erste 360-Grad/Virtual Reality-Film. Ein Azubi führt als Presenter durch die Stadtwerke. Der Zuschauer mit VR-Gear auf dem Kopf kann sich überall umschauen und einen spannenden Eindruck mitnehmen. Er hat ein echtes Erlebnis, welches er teilt. Alleine schon durch die Erzählung zuhause, in der Schule oder im Freundeskreis erarbeiten sich die SWN somit einen kleinen Vorteil durch dieses Erlebnis. In diesem Fall war es sogar so, dass die regionale Zeitung auf der Azubi-Messe das Virtual-Reality-Video der SWN als Titelstory gewählt hat. Die SWN waren damit neben der Deutschen Bahn die einzigen auf der Messe mit so modernem Auftritt. Das hat intern und extern für großes Aufsehen gesorgt.

Tim: Recruiting ist ja nicht immer so zahlengetrieben, wie es sein sollte. Hast Du ein paar Auswertungen, inwieweit sich Film als Medium positiv auf das Recruiting auswirken kann?

Oliver: Meine Kunden berichten durch die Bank über positive Erfahrungen. Der allererste Recruitingfilm-Kunde war ein - Achtung, wirklich innovativ! - Steuerberater! Er hat dadurch in kürzester Zeit drei Stellen besetzt. Eine Azubistelle und zwei Fachkräfte. Und wurde zigfach lobend darauf angesprochen. So ist noch ein Imagegewinn "abgefallen". Das Hotel Seeblick auf Amrum hatte ein Problem: Ganzjährig geöffnet, schlechter Ruf der Branche, Insellage mitten in der Nordsee. Seit den Filmen ist das Problem vom Tisch. Eine Unternehmensberatung aus Frankfurt hat bereits nach sechs Wochen 25 Kandidaten konkrete Jobangebote unterbreiten können. Eine Filmstrategie in Kombination mit einer SEO-optimierten Landingpage hat hier den Erfolg unterstützt. Interessant ist: Egal welche Branche, egal welche Unternehmensgröße, egal welcher Standort - für jeden scheint das Medium Film sinnvoll und erfolgversprechend zu sein. Besonders auf dem sog. "platten Land" können Arbeitgeber punkten und gegen die Großen bestehen. Nicht jeder will zu Porsche...viele Kandidaten, gerade die jungen, orientieren sich regional oder sogar lokal für die ersten Schritte ins Arbeitsleben. Wenn da ein Arbeitgeber als Erlebnis-Sender auftaucht - ist der Erfolg fast programmiert.

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